Madeirabereist von Anja Heinen und Patrick Umlauf im September 2000 |
Madeira - Die Spitze des BergsMadeira ist steil! Die Insel bildet die Spitze eines Gebirges, dessen Flanken unter Wasser bis in eine Tiefe von 4000m abfallen. Die höchste Erhebung beansprucht der Pico Ruivo mit 1.861m über Meeresniveau. Entsprechend erschließt sich dem Besucher eine Insel mit wild zerklüftetem Relief, hohen Gebirgsketten, tiefen Schluchten und schroffen Steilküsten. Der Ankömmling stellt bereits beim Anflug die Auswirkungen fest: Von den Azoren kommende warme Luft steigt an den Bergen an und bildet eine dichte Wolkendecke, die meist nur wenige spitze Gipfel hindurchragen lässt. Eine erste Überraschung nach einem ansonsten meist wolkenfreien Flug über atlantische Gewässer. Die Landung auf Madeiras Flughafen ist nur möglich, weil die Lande- und Startbahn auf Betonpfeilern ins Meer verlängert wurde. Da wundert es nicht, dass die Straßen Madeiras schmal, die Kurven eng sind und die Steigung immer irgendwo zwischen 5% und 25% liegt. Wer auf Madeira selbst fahren möchte, sollte das Anfahren am Berg in Perfektion beherrschen. Wer lieber den Bus nimmt, braucht starke Nerven. Zumindest bei unserem Dutzend Busfahrten erlebten wir einen mehr als beängstigenden Fahrstil. Das Relief Madeiras ist Ursache für die Ausbildung von mehreren stark verschiedenen Klimazonen auf nur 70.000 Hektar. Der Naturfreund kann staubige Wüstenlandschaft mit Meerblick, Tropenwälder wie aus einem King-Kong-Film und schneefreie Hochgebirgstouren auf kleinster Fläche erleben. Die Temperaturen sind dabei mit 18-25 Grad Celcius ausgesprochen angenehm. Die sprichwörtliche Frühlingshaftigkeit der Insel findet ihr Gesicht in einem wunderschönen Blütenreichtum, duftenden Wäldern und milden Nächten. Regengüsse sind nur von kurzer Dauer und regnen meist in den Nachtstunden ab. Mitnehmen sollte man die Sonnenschutzcrème dennoch. Der geographische Breitengrad Madeiras lässt keinen Zweifel aufkommen, dass bei direkter Sonneneinstrahlung Intensitäten wie in Nordafrika erreicht werden. Die günstigste Art, Madeira zu bereisen, sind die Pauschalangebote der einschlägigen Veranstalter. Individuelle Anreise ist möglich, jedoch über die Linienverbindung der Air Portugal oder Schifffahrtslinien deutlich teurer. Eine Fährverbindung gibt es nicht. Um an die prächtigen Naturplätze der Insel zu gelangen empfiehlt sich ein Leihwagen, der für etwa € 25 pro Tag zu bekommen ist. Busse und Taxen sind ebenfalls günstig, schränken aber die Flexibilität bei individuellen Wanderungen ein. Wer im Berufsleben ständig planen und organisieren muss, der ist dankbar, wenn er nicht auf den letzten Bus zum Hotel angewiesen ist. Touren mit dem Reisebus, wie sie von den Veranstaltern vor Ort angeboten werden, kann ich nicht empfehlen. Wir haben sie mehrfach an den einschlägigen Schauplätzen beobachtet: Die angebotenen Kurzwanderungen geben allenfalls eine Ahnung von der dahinterliegenden Schönheit. Oftmals wird nur kurz angehalten, geknipst und weitergehetzt. Funchal - Amphitheater mit MeerblickDas Madeira-Archipel
ist eigenständige Region Portugals. Funchal bildet als Hauptstadt
das pochende Herz der Inselgruppe. Funchal ist Verwaltungssitz, Dienstleistungs-
und Einkaufszentrum, Ziel- und Ausgangspunkt aller Straßen und öffentlichen
Linien Madeiras. Funchal ist eng! Dies verwundert nicht. Funchal gleicht einem riesigen Amphitheater. Der kleine Hafen bleibt auf wenige Hektar beschränkt. Gleich dahinter steigt das Gelände und mit ihm die Straßen immer steiler an, bis auf 1.200m! Alle Hänge sind mehr oder weniger dicht bebaut mit kunstvoll sich hinduchschlängelnden Serpentinenstraßen. Wer gut zu Fuß und mit ausreichend Puste ausgestattet ist, kann bis in den Stadtteil Monte laufen und von dort atemberaubende Ausblicke genießen. Ein Bus bringt den müden Touristen jedoch zu gleicher Stelle. Ansehen sollte man sich die Markthalle, den Yachthafen, das Weinmuseum und den botanischen Garten. Die Korbschlittenfahrt von Monte hinunter kann man als Touristenattraktion wohlwollend mitnehmen. Etwa 1 bis 1,5 Tage sollten mit einigen Päuschen und Café-Besuchen kalkuliert werden.
Der Yachthafen Funchals ist allemal einen Spaziergang wert. Man kann dort ein interessantes Restaurant besuchen, dessen Tische sich in kleinen Booten im Freien befinden. Möchte man ein weiteres Glas Wein bestellen, so jagt der Kellner über ein System von Bootsstegen zu dem rufenden Gast. Die kleinen Restaurants und Pizzerien an den Anlegestellen sollten gemieden werden. Es sind Nepplokale und Touristenfallen reinster Güte. Im Weinmuseum Funchals wird dem Besucher die Kunst des Kelterns nähergebracht. Der Madeirawein genießt weltweit Ansehen als Aperitifwein oder zum Kuchen, idealerweise zum Honigkuchen Madeiras. Es gibt ihn eher trocken oder eher süßlich und - bedingt durch seine hervorragende Lagerfähigkeit - auch als mehrere Jahrzehnte alten Sammlerwein. Wer diese Leidenschaft teilt, kann im Weinmuseum entsprechend alten Madeira von Blandy's mit Urkunde zu etwa 60% des hiesigen Importpreises erstehen. Den Madeira gibt es natürlich auch in jedem Lebensmittelladen, dann aber jung und ohne Urkunde ;-). Der Parque de Santa Catarina liegt mit seinem vielfältigen Pflanzenbestand oberhalb des Hafenbeckens. Nach der Hektik und der dicken Luft Funchals ist er ein Labsal für die Seele. Es ist überall grün und voller Blüten mit einem schönen Blick hinunter auf die Stadt. Interessanterweise wissen offenbar gerade jüngere Funchalesen, diesen Fleck zu schätzen: Es gibt mindestens so viele sich innig küssende Pärchen in diesem Park wie Bänke oder schattige Plätzchen.
Das ältere Touristenehepaar
vor uns ist sichtlich verunsichert. Die beiden Engländer tragen wegen
der prallen Sonne breite Strohhüte und nur
leichte Kleidung, die weder die bleichen Beine noch die üppigen Pfunde
ausreichend kaschieren können. Sie hält sich einen kleinen batteriebetriebenen
Propeller vor die Nase um die Hitze und die Sorge vor der bevorstehenden
Abfahrt erträglich zu machen. Ihr Gatte besitzt keinen Propeller
und blickt sich flehend zu seinen vor dem Touristenbus stehenden Mitreisenden
um. Schadenfroh ruft ihm ein Kollege zu "Pretend you're Nigel Mansell!".
Wir starten als Nächste und sind guten Mutes. Die Abfahrt ist teilweise
rasant. Es geht enge Straßen mit tiefen Seitenrinnen steil bergab.
Die Carreiros stehen dabei auf den hinteren Kufenenden und versuchen,
den schlingernden Schlitten zwischen parkenden Autos hindurchzunavigieren.
In Flachpassagen muss gezogen werden. Die Passagiere bleiben dabei sitzen
und beobachten die schwitzenden und keuchenden Carreiros. Uns ist das
nicht sehr angenehm und wir fragen uns, wie wohl die Engländer diese
Situation aus ihrem historischen Erfahrungsschatz empfinden. Im Übrigen
verrichten zumindest unsere Carreiros ihren Dienst nicht mit Freude. Ihr
Gesichtsausdruck verrät, was sie von der Touristenattraktion tatsächlich
halten. Unten angekommen werden die Schlitten per Lkw, die Carreiros per
Linienbus wieder zum Start zurückgebracht. Die Fahrt kostet pro Person
etwa € 13. Möchte man nur die Weghälfte per Schlitten zurücklegen
spart man entprechend den halben Betrag. Übrigens waren diese Korbschlittenfahrten
früher völlig reguläres und normales Verkehrsmittel. Eingeführt
hat es ... ein Engländer. Tipp: In Garajau ragt eine kleine Landzunge ins Meer, die einen herrlichen Blick auf den Sonnenuntergang über Funchal und das Nachtpanorama bietet. In Voraussicht hat man Bänke und kleine Tische aufgestellt: Also Abendpicknick mitbringen! Der Osten - Wüste mit Traumpanoramen und WalfangDie Ponta de São Lourenço bildet den östlichsten Inselausläufer. Der Landstrich ist trocken, wüstenhaft und hügelig. Dennoch ist eine Wanderung unbedingt zu empfehlen und wird mit zahlreichen Postkartenausblicken belohnt. Die Anfahrt über
die einzige Schnellstraße Madeiras von Funchal aus sollte in Machico
zunächst unterbrochen werden. In der Bucht von Machico betraten die
Entdecker 1419 erstmals Madeira. Später wurde Machico ein bedeutender
Fischereihafen und Zentrum des portugiesischen Walfangs. Bis hinein in
die 80er Jahre hing der ständige Gestank von Tran und verwesendem
Walfisch über der Stadt. Ein Museum in Machico berichtet von der
einstigen Walfangindustrie und deren Ende. Die Ausstellung ist hervorragend
zusammengestellt, modern und lehrreich. Sie gewährt einen Einblick
in die Motivation der Fischer, verurteilt jedoch nachhaltig die Jagd nach
den Meeressäugern. Das Mädchen an der Kasse hält ein deutschsprachiges
Video bereit, das man sich im Die Wanderung beginnt bei einem Parkplatz auf der Ponta de São Lourenço. Er ist nicht zu verfehlen, da die Straße dort zu Ende ist. Der Wanderweg ist hinreichend gekennzeichnet. Bereits nach kurzer Zeit eröffnen sich die ersten Ausblicke vom hochgelegenen Felsen aus auf tiefblaue Meeresbuchten . Wenige Zeit später gelangt man zu einer Weggabelung, die links nach einigen Schritten zum Aussichtspunkt der 'Seepferdchenfelsen' führt. Der Anblick ist gigantisch und lädt zum längeren Verweilen ein. Uns erging es ebenso, was die Bewohner des kleinen Fleckchens - zahlreiche putzige Eidechsen - dazu nutzten, das Innere unserer Rucksäcke zu erforschen und meinen Rücken als Kletterwand zu benutzen. Der Weg führt weiter über enge Grate aus Lavagestein und Bilderbuchpanoramen in eine karge Mondlandschaft und hinauf auf den östlichsten Hügel. Von dort geht ein schmaler Weg weiter zum nahegelegenen östlichsten Punkt des Inselstücks. Auf dem Hügel weht eine kräftige Brise und der Weg ist recht schmal. Wer nicht absolut trittsicher ist, sollte es bei der Hügelankunft bewenden lassen und umkehren. Die Wanderung ist in drei bis vier Stunden zu bewältigen und ansonsten harmlos. Sonnenschutz nicht vergessen! Levadas - Immer an der Wand lang
Der Tourist darf glücklicherweise die Wanderung entlang der Levadas genießen. Sein Weg führt an unzählbaren kleinen Quellen und tropfenden Felswänden zur einen und tiefen Abgründen zur anderen Seite entlang. Die Landschaft erscheint dabei so bizarr, üppig grün und wild, als würde sie sich für eine Neuverfilmung von King-Kong bewerben wollen. Gefahr besteht dabei zu keiner Zeit. Die Wege sind schmal, jedoch gut befestigt und an wirklich kritischen Stellen mit Geländern gesichert. Unterwegs gilt es auch, einige Tunnels zu durchwandern. Sie sind eng und meist niedrig (zumindest habe ich es als 1,81m-Mann so empfunden). Wer im Dunkel - und ich meine absolut schwarz - unsicher wird, oder Angst hat, sich viele Beulen einzuhandeln, der kann eine Taschenlampe mitnehmen. Wir hatten keine dabei, haben es überlebt und hatten unseren Spaß dabei.
Hochgebirge - Vulkanische Geschichte zwischen PicosWer etwas Kondition mitbringt, der sollte auf keinen Fall dieses Erlebnis auslassen. Die '18-Hunderter' der Insel sind durchaus mit alpinen Dreitausendern vergleichbar. Immerhin erreicht man hier nach wenigen Kilometern den Meeresspiegel, während die 'Täler' der Alpen meist bereits auf 1000m liegen.
Neben einmaligen Ausblicken in die Berglandschaft breitet sich die geologische Geschichte Madeiras wie ein aufgeschlagenes Buch von dem Wanderer aus. Basalt und Lavagestein bilden die sonderbarsten Formen und lassen längst erkaltete Schlote und Trichter erkennen. Unbeschreibliches muss sich hier einmal abgespielt haben. Es ist sicherlich unsere schönste Wanderung dieses Urlaubs, aber es ist auch die Anstrengendste. Tipp: Ab Mittag entstehen häufig Wolken. Daher sollte man zeitig aufbrechen. Sonnenschutz nicht vergessen! Sixdays - Madeira
als Kurzurlaub
|