Galeon-Jolle in Fahrt

 

Sportbootführerschein Binnen in Gran Canaria,

ein Erfahrungsbericht von Patrick Umlauf im März 2002


"Weia! Waga! Woge, du Welle! Walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala weiala weia!"

Mit diesem prägnanten Vers eröffnet die Rheintochter Woglinde im 'mittleren Riff des Rheins' den Vorabend zu Wagners mächtiger Ring-Trilogie. Die drei Rheintöchter Bayreuths um 1876 hatten so ihre Probleme mit dem 'Rheingold'. Die Opern-Sängerinnen flogen in Korsetts einige Meter über der Bühne und wurden von Mechaniken in Wellenlinien auf und ab, nach hinten und vorne und hin und her bewegt. Verbunden mit Atmungsschwierigkeiten durch die Gürtel entstand so schnell unter den Künstlerinnen der modifizierte Eröffnungsvers "Weia! Oweia! Wagalaweia! Wenn's no lang dauert, muss i speia!".

Yacht oder Altersvorsorge?Der Frage, warum man sich freiwillig unentwegter Schaukelbewegung aussetzt, welchen amtlichen Führerschein man hierfür zu erwerben hat und welche Erfahrungen man bei den ersten Schritten sammelt, möchte ich in diesem Bericht nachgehen.

15 Jahre ist es her, als ich den ersten Schul-Versuch zum Segeln startete. Leider wurde damals nach 3 Praxisterminen der Stausee trockengelegt. Die Staumauer des Bostalsees war reparaturbedürftig geworden und bedauerlicherweise hatte die Segelschule es versäumt, dies rechtzeitig in Erfahrung zu bringen. Im März dieses Jahres startete ich mit meiner Frau einen neuerlichen Anlauf. Dieses Mal ohne Staumauer, im Atlantik ...

Der Führerschein für alle Fälle

Overschmidt LehrbuchMan unterscheidet zwischen Motor- und Segelbootführerscheinen. Motorbootführerscheine sind ab 3,68 kW Leistung (5PS) amtlich vorgeschrieben. Auf Binnengewässern (Main, Rhein, Donau, etc.) ist der Sportbootführerschein Binnen, auf Küstengewässern (Ostsee, Nordsee, Elbe-Mündung, etc,) der Sportbootführerschein See notwendig. Segelführerscheine sind auf Binnen- und Küstengewässern Deutschlands nicht amtlich vorgeschrieben. Es empfiehlt sich jedoch, die entsprechenden Scheine zu besitzen, sei es, um eine entsprechende Ausbildung zu erhalten, Versicherungen von verminderten Risiken zu überzeugen oder z.B. an Regatten teilnehmen zu können.

Der Sportbootführerschein Binnen für Segel und Motor bietet somit einen idealen 'Allround-Einstieg'. Man lernt Segeln, darf auch unter Motor tuckern und erhält einen Befähigungsnachweis mit internationaler Anerkennung (mit Ausnahmen). Möchte man eines Tages die höheren Weihen für das Segeln auf allen Meeren erlangen, reicht die theoretische Prüfung zum Sportbootführerschein See aus. Die weiteren Nachweise, Sportküstenschifferschein oder Sportseeschifferschein, sind freiwillig aber empfehlenswert, sofern man die 15-Meter-Yacht mit Crew heil zum Vercharterer zurückbringen möchte.

Wir entschieden uns für den Erwerb des Sportbootführerscheins Binnen Segel und Motor (kurz SBF). Allen erhältlichen Lehrbüchern gemeinsam ist eine Einführung in Segel- und Motorpraxis sowie die entspechenden Vorschriften. Gleichfalls enthalten sind die 394 amtlichen Fragen samt Modellanworten, aus denen 45 Fragen für die schriftliche Prüfung zusammengestellt werden (22 Fragen Allgemeines, 8 Fragen Motor, 15 Fragen Segeln). Wir entschieden uns für das Buch von Overschmidt/Gliewe aus dem Verlag Delius-Klasing. Es rühmt sich zu Recht, meistverkauftes Lehrbuch zum Thema zu sein. Der inhaltliche Aufbau ist sauber gegliedert und der Stoff gut nachvollziehbar. Die sehr gute Bindearbeit der Seiten und das Hardcover halten auch noch durch, wenn die restliche Verwandtschaft das Buch zum Führerscheinerwerb verwenden sollte. Leider sind die Modellantworten zu den Prüfungsfragen stellenweise falsch bzw. korrespondieren nicht mit dem Stoff der Lehrkapitel. Dies hört sich tragischer an als es ist. Ein guter Segellehrer (s.u.) weist auf die Holprigkeiten hin.

Andere 'Schulkameraden' eigneten sich den Stoff zusätzlich mit den im Handel erhältlichen Original-Prüfungsbögen an. Vorteil der Bögen: Die Kombination der Fragen entspricht der Prüfungssituation. Vorteil Buch: Ähnliche Fragen zum gleichen Stoff werden zusammenhängend dargestellt und können rascher 'abgearbeitet' werden. Wir haben auf die Bögen verzichtet und sie auch nicht vermisst.

24 St. am Tag geöffnet

Segelpraxis bei 25 Grad CelciusWer sich in den ersten Monaten des Jahres in unseren Breiten um Segelkurse bemüht, wird aus nachvollziehbaren Gründen auf Schwierigkeiten stoßen. Dies gilt ebenfalls für den europäischen Mittelmeerraum und die Balearen. Die Saison beginnt dort etwa ab Mai. Einzig die kanarischen Inseln erlauben mit ihrem relativ konstanten Klima ganzjährig Segelkurs-Angebote. Zwei Szenarien wurden von uns ins Auge gefasst: Ein Kurs im Juni in Deutschland oder sofort im März auf den Kanaren. Wir bereiteten meinem Provider Freude und nahmen die einschlägigen Internet-Angebote unter die Lupe.

Die hervorragende Seite der Segelschule Greubel beantwortet viele Fragen und beschreibt Kursangebote für jeden Bedarf. Leider liegt der Brombach-See für uns ungünstig. Die im Web ebenfalls hübsch vertretene Segelschule 'Blauer Peter' in Grömitz an der Ostsee liegt attraktiv und führt die Ausbildung zu sehr sonnigen Preisen durch. Leider ließ die Antwort auf unsere eMail-Anfrage knapp 3 Wochen auf sich warten. Die Segelschule Overschmidt Sail&Surf Gran Canaria bestätigte das zwischenzeitlich online ausgefüllte Formular bereits am folgenden Tag. Per Telefon und eMail nahm die Segelschule noch mehrmals vor unserer Abreise Kontakt auf, um Flughafentransfer, Buchung des Appartments usw. mit uns abzustimmen. Der Service stimmte, der Ton gab Anlass zu Lust auf mehr. Es ist schön, wenn bei nasskaltem Schmuddelwetter in Deutschland die eMails aus Gran Canaria mit Schilderungen des örtlichen sonnigen Klimas signiert werden.

Gepäck, Anreise und UnterkunftSonnenschutz  ist wichtig

Wie sieht die zweckmäßige Ausrüstung des Kanaren-Seebärs aus? Hier eine empfehlenswerte Liste (zumindest für den März):

  • Sonnenbrille
  • Schirmmütze bzw. Basecap (bei eBay ab 1 € und in Top-Qualität)
  • Sonnenmilch mit hohem Lichtschutzfaktor
  • Bootsschuhe
  • Windjacke und wasserabweisende Überhose
  • das Übliche: T-Shirts, kurze Hosen, für den Abend etwas wärmeres
  • Rei aus der Tube: Man wird häufig die Salzränder aus den Hosen waschen wollen

Yachthafen in MoganDie Badesachen können getrost zu Hause bleiben. Tagsüber bleibt keine Zeit und abends wird man k.o. sein. Sonne hat man ohnehin ausreichend getankt. Wer sich allerdings gerne zum Lernen an den Strand legt...

Die Segelschule Overschmidt Sail&Surf befindet sich in Puerto Rico, einem derb-touristischen Hafenort mit britischer und deutscher Ausrichtung. Wohnen kann man auch im benachbarten hübscheren Puerto Mogan.

Appartmentgasse in MoganMogan stellt sich seinen Besuchern als blitzsauberes Städtchen mit exklusivem Yachthafen, Fischereihafen und edlen Cafés dar. Das Preisniveau liegt entsprechend etwa 30% über dem Puerto Ricos. Zugleich schrumpfen die kulinarischen Möglichkeiten am Abend auf nahe Null zusammen. Die tägliche Busfahrt nach Puerto Rico nimmt 2 x 20 min. vom täglichen Zeitkonto. Puerto Rico könnte als 'Tourismus-Industriestadt' bezeichnet werden. Man findet unzählige Restaurants und Strandbars in jeder Preislage. Das in Reiseführern beschriebene Centro Commercial konzentriert sich auf den schnellen Euro und sollte nicht nur wegen der unerträglichen Restaurant-Schlepper gemieden werden.

Fischerboot in MoganWir buchten über die Segelschule ein Appartment der Anlage Sirena in Puerto Rico ganz in der Nähe der Schule.Die Einrichtung ist sehr hübsch und die Anlage vermittelt einen sauberen Eindruck. Berichte von Segelschülern über leichten bis grauenvollen Kakerlakenbefall (die "Stubenfliege der Kanaren") in den Zimmern anderer Unterkünfte rückt Sirena in ein noch positiveres Licht. Leider mussten wir bereits bei unserer Ankunft einen fast verstopften Toilettenabfluss und reichlich Dilettantismus über viele Tage erdulden.

Die Fockschot schamfilt an der Want

Kennenlernen des BootesFür einen Unbedarften eröffnet sich bereits während der Lektüre im heimischen Frankfurter Wohnzimmer eine neue Welt. Die Terminologie des Seemännischen erschließt sich nur langsam. 'Steuerbord' hat jeder schon gehört. Aber wie sieht das aus mit 'Schmeereep' oder 'Roringstek', dem 'Drempel' oder dem 'Döpper'? Warum kommt der Wind 'raumschots' und nicht von hinten?

Segelanfänger betreten i.A. gänzlich neues Terrain. Straßenverkehrszeichen sind uns von Kindes Beinen an vertraut. Schließlich müssen wir auf dem Weg zum Kindergarten Ampelsignale verstehen können um zu überleben. Und wer hat vor der ersten Fahrstunde noch nie im Auto gesessen? Beim Segeln ist das anders! Wer kennt schon die Vorfahrtsregeln, die vorschriftsmäßige Lichterführung oder Schallsignale auf deutschen Binnenschifffahrtsstraßen? 'Tuuut-tuuut-tuuut-tut-tut' heißt 'Blinker links in eine Nebenwasserstraße'. Hättet ihr's gewusst?

Also Vorsicht! Alle Kursteilnehmer waren sich einig: Die schriftliche Prüfung ist nicht geschenkt! Das Einfinden in nasses Regelwerk und niederdeutsches Sprachgut kostet Zeit und will rechtzeitig begonnen werden. Dass die schriftliche Prüfung Textantworten und Zeichnungen verlangt und damit Multiple-Choice-verwöhnten Zeitgenossen den Schweiß auf die Stirn treibt, tut ein Übriges, den Respekt vor der Theorie des SBF Binnen in's rechte Licht zu rücken.

Segelschule auf SchwimmernDer erste Kurstag

Ahoi! Pünktlich um 10 Uhr erschienen wir am Lehrgangsort. Unterrichtet wird in der Regel von 10 Uhr am Morgen bis 12 Uhr. Nach der 30-Minuten-Pause werden die Jollen zum Ablegen vorbereitet und ab etwa 13 Uhr geht es für 3 Stunden auf den Atlantik. Danach heißt es noch kurz 'Rein Schiff!' und der Segelschüler wird Richtung Strandcafé entlassen, um den Salzgeschmack mit Café con leche zu verdünnen. Montags ruht der Ausbildungsbetrieb.

Seemännische KnotenTheoriethema des ersten Tages war das seemännische Stecken von insgesamt 10 Knoten. Zunächst wirkt die Knotenvielfalt verwirrend, jedoch schon nach wenig Übung geht es wie von alleine. Jeder Schüler bekam ein Bändsel (= kurze Leine) mit, um den Abend mit sinnvollem Spieltrieb auszufüllen.

Am Nachmittag ging es endlich 'auf See'. Das Schul-Revier bei Puerto Rico erstreckt sich etwa auf einen Radius von einer halben Seemeile um den Hafen. Dieser kleine Teil des Atlantiks befindet sich auf der Lee-Seite (also dem Wind abgewandten Seite) Gran Canarias und somit in einer geschützten Lage. Bei herrlichem Wetter und 25° C hatten wir Windstärken in der Regel zwischen 2 und 3. Stellenweise gab es kurze Flauten. Tage mit Windstärke 5 galt es ebenfalls zu meistern. Die genannten Windstärken korrespondieren mit der sogenannten Beaufort-Skala. In einer Jolle bedeutet Windstärke 2 gemütliches Dahinschippern. Man kann Manöver in ruhigem Tempo fahren und bekommt gerade als Anfänger noch genügend Zeit, über sein Tun vorher kurz nachzudenken. Windstärke 5 wird reichlich sportlich. Die Jolle krängt deutlich (= liegt auf der Seite) und will ausgeritten werden (= behendes Verlagern des Gewichts auf die hohe Seite, möglichst nach außen). Die Angelegenheit wird deutlich nass und nicht nur die Mütze droht wegzufliegen. "Illbruck, wir kommen...!"

Windstärke 5 BeaufortDie einen mögen's ruhig, die anderen lieben den Thrill. Der Stausee zu Hause mag näher liegen. Aber wer möchte schon gerne im Nieselregen und fast Windstärke 0 in ein Boot steigen? Die Entscheidung, den Urlaub mit dem Nützlichen zu verbinden, hat niemand von uns bereut.

Zurück zum ersten Nachmittag: Leider gibt es da nicht viel zu berichten. Jeder durfte einmal Vorschoter sein (= eine Schnur halten und auf Befehl daran ziehen). Aber in den Folgetagen wurde die Sache interessant...

Manöver zu Wasser

Segelkollege Werner beim WendenManöver, das sind zu erlernende Handlungsabläufe, um das Schiff zu wenden, anzuhalten oder beides zu kombinieren. Erschwert werden die Manöver für den Anfänger durch das Erlernen der Kommandosprache, weil die Mitsegler ebenfalls bestimmte Handgriffe ausführen müssen.

Wir lernten:

  • Kurs ändern und halten: Das Segelschiff wird per Ruder und Segelstellung relativ zum Wind in eine andere Richtung gezwungen.
    Dies ist zügig und einfach zu erlernen. In der Praxis gehört jedoch viel Übung dazu, den böigen Wind mit Ruder und Segelstellung stets optimal auszunutzen, will man richtig schnell segeln.
  • Beidrehen: Anhalten und still liegen.
    Einfach und schnell zu lernen.
  • Wenden: Es wird eine Kursänderung herbeigeführt, wobei der Bug durch den Wind geht (= die Schiffsnase dreht durch die Windrichtung).
    Es sind Bewegungsabläufe und Kommandos einzuüben. Nach einiger Übung klappt das aber ganz passabel, wobei der Umstand hilft, dass man eigentlich nichts falsch machen kann.
  • Halsen: Es wird eine Kursänderung herbeigeführt, wobei das Heck durch den Wind geht (= das Schiffsruder dreht durch die Windrichtung).
    Dies wird schon etwas trickreicher, da man beim Halsen durch Fehler durchaus kentern kann. Übung und etwas Gefühl für das Boot helfen auch bei diesem Manöver. Eine Kostprobe des Halsen-Kommandos: 'Klar zum Halsen?' - 'Ist klar!' - 'Hol dicht die Großschot!' - 'Rund achtern!' - 'Fier auf die Großschot!' - 'Über die Fock!' - 'Hol an die Schoten für raumen Wind!'
  • Ablegen, Anlegen und Aufschießen: Ausparken, Einparken und ausrollen lassen würde man beim Auto sagen.
    Vom Handlungsablauf ist dies vergleichsweise einfach. Jedoch ist das Timing wichtig, sonst bumst man an den Steg oder - peinlicher - bleibt einen Meter davor liegen.
  • Boje über Bord: Es wird ein Rettungsmanöver für eine über Bord geworfene Boje in Ermangelung mitsegelnder Freiwilliger durchgeführt.
    Diese Aktion kombiniert eine ganze Manöverkette bestehend aus einer Kursänderung, einer Variante der Wende und einer Aufschießervariante. Das Timing ist wichtig und das räumliche Einschätzen des Bootskurses relativ zur ertrinkenden Boje. Das muss immer wieder geübt werden.

Ein Steuerrad, endlich!Die Motorbootpraxis kommt wie gerufen, möchte man einmal mit trockenen Hosen den Unterricht verlassen. Nach nahezu 2 Wochen mit einer Pinne und konzentrierter Beobachtung der Windrichtung war es schon eine erholsame Erfahrung, ähnlich wie auf heimatlichen Straßen am Volant drehen zu dürfen. An- und Ablegemanöver, Abbremsen und auch das schon bekannte Boje-über-Bord-Manöver sind vergleichsweise einfach und schnell zu erlernen.

Anders als bei 4 Rädern steht beim Umgang mit dem motorgetriebenen Schiff die Maschine im Vordergrund. Vor dem Start werden Öl- und Kraftstoffstand geprüft, Kraftstoffventile geöffnet, Hauptstromschalter betätigt und überhaupt auf Sicherheit größten Wert gelegt. Auch dass es unterschiedlich große Wendekreise als Folge eines Versetzungseffekts der Antriebsschraube gibt, ist für den Wasser-Schumi neu.

Zurück zum Segeln.

Die Segelflotte bestand aus 6 Jollen. 4 sogenannte Galeons als sehr gutmütige typische Schuljollen mit wenig Segel und hohem Süll (= Bordwand), das wirksam die Wellen abhält. Der zweite Jollentyp hieß Raquero. Diese Boote lassen schon am Trapezgeschirr und den Spinnakerfallen erkennen, dass sie für sportliche Ausflüge konzipiert worden sind. Tatsächlich bereiten sie mehr Spaß, segeln schneller als die Galeons, verlangen jedoch auch ein Zugeständnis an die sportliche Einstellung. Soll man an dieser Stelle erwähnen, dass die Damen des Kurses die Galeon-Jollen bevorzugten?

Können die Jollen kentern? Zumindest ich hatte während des Kurses zu keiner Zeit das Gefühl, kurz vor der Kenterung zu stehen. Auch den Mitseglern ist nichts derartiges passiert. Zum einen tragen sicherlich die Schuljollen mit ihrer hohen Stabilität dazu bei, auch bei Fehlern unter viel Wind nicht zu kippen. Zum anderen sind die Segellehrer selbstverständlich so umsichtig, bei gefährlich auffrischenden Winden rechtzeitig zu reffen (= Segelfläche verkleinern) oder gar den sicheren Hafen anzulaufen. Das soll nicht heißen, dass wir Kaffeefahrten unternommen hätten. In Böen legen sich die Boote schon beträchtlich zur Seite und die See kommt zu Besuch in's Innere. Ich verweise hierzu noch einmal auf die sportliche Einstellung.

Klar bei Pütz!Übrigens, 'sportliche Einstellung'. Die Trainer waren stets bestrebt, reine Herren- und Damenboote zu besetzen. Besserwisserei gegenüber der Freundin, falsches Heldentum oder die Peinlichkeit, dass sie die Halse auf Anhieb besser beherrscht, blieben damit allen Beteiligten erspart..

Ob Raquero oder Galeon, vor dem Mini-Törn müssen die Boote segelfertig gemacht werden. D.h. die Segel werden angeschlagen, das Ruder eingehängt und die Ausrüstungsgegenstände an Bord gebracht. Nach dem Törn wird 'Rein Schiff' befohlen. Hierzu werden die Boote mit Süßwasser abgespritzt und gelenzt. Dies bedeutet, dass sich Freiwillige finden müssen, die mit einer Pütz (= Schöpfkelle) das im Boot gesammelte Wasser ausschöpfen. Bei 25° C ist das kein Malheur.

Segellehrer Lorenz

Crew des DamenbootesDie Besetzung der Boote entsprach meist dem Schema 3 Schüler + 1 Trainer. Je nach Zahl der verfügbaren Segellehrer gab es - selten - Abweichungen in jede Richtung. Grundsätzlich jedoch befand sich auf jedem Boot immer ein vom Verband entsprechend zugelassener Segellehrer.

Zum Zeitpunkt unseres Kurses gestalteten 3 Lehrer den Lehrbetrieb. 2 davon taten dies als Nebenbeschäftigung während in Deutschland ein sicherer Job bzw. ein Studium warteten. Einer der Drei lehrt die Segelei hauptberuflich. War Not am Manne, sprang auch der Besitzer der Segelschule ein, der sonst das Skippertraining für den SKS-Schein durchführt.

LorenzDie einen sind eher ruhig und sachlich, die anderen penibel, wieder Andere die geborenen Alleinunterhalter ("Segeln ist wie unter einer kalten Dusche stehen und dauernd Tausendmarkscheine zerreißen."). Alle vermittelten jedoch dies: Kompetenz und Sicherheit. Lorenz, hauptberuflich Segellehrer und von der peniblen Sorte, zeichnet gleichzeitig für die theoretische Ausbildung alleine verantwortlich. Ohne Zweifel ist er die Trumphkarte der Sail&Surf Gran Canaria Abteilung SBF. Seine Theorie-Ausbildung am Flip-Chart hat perfektes Timing, bleibt stets exakt auch im Detail und zeigt pädagogisches Talent.

Beim Praxisunterricht unterweist Lorenz in ruhiger, sachlicher Tonlage, weist auf kleine Fehler sofort hin und demonstriert in allen Situationen Gelassenheit. Toll empfand ich seine Experimentierfreude. Wende und Halse wurden einmal mit und einmal ohne Schwert gefahren. Auch eine provozierte Patenthalse (= unbeabsichtigte Halse) musste jeder Rudergänger in seinen Erfahrungsschatz aufnehmen. Dies sind Dinge, die im Allgemeinen nicht zum Lehrstoff der Segelschulen gehören, die jedoch das Gefühl für ein Boot schulen.

Ein eigenes Kapitel der Segelei sind die Ausweichregeln (= Vorfahrtregeln). Ob große Motoryacht oder Tretboot auf Kollisionskurs, Lorenz beharrte in seiner Jolle auf die Ausweichpflicht der anderen. Motorisierte Hochseekapitäne mochten ihr Horn bemühen, der Segelschüler noch so panisch dreinschauen, es gab kein Pardon. Auch eine Kollision mit einem entgeisterten Tretbootfahrer mündete in die Belehrung desselben, dass sich auch Urlauber ohne Befähigungsnachweis an die Ausweichregeln zu halten hätten.

"Wenns no lang dauert muss i speia!"

Werner: Absolut seefestGleich vorneweg: Von 7 Schülern, die zeitgleich den Kurs belegten, musste sich lediglich der Autor über die Reling beugen. Übelkeit verspürten wir während des ersten Tages jedoch allesamt (hmm, bis auf einen). Offensichtlich stellt Seekrankheit ein leidiges Problem auch für erfahrene Segler dar. Es gibt ebensoviele Mittel dagegen wie Meinungen, dass diese Mittel völlig untauglich seien. Im Boot wurde das Thema immer wieder heiß diskutiert. Meine ganz persönliche Erfahrung zur Vermeidung von Seekrankheit während des Segelns stelle ich wie folgt zusammen:

  • Geduld! Meistens gewöhnt man sich nach 1-2 Tagen an die Schaukelei. Unwillkürlich geht der Körper die Schiffsbewegung mit und man empfindet das Schwanken statt im Boot dann am Abend beim Zähneputzen. Davon wird einem aber nicht mehr übel...
  • Ein leerer Magen beim Segeln. Fetthaltige Speisen, viel Eiweiß oder Kaffee verlängern den Magenaufenthalt. Ich selbst habe das Mittagessen ganz ausfallen lassen, und es hat spürbar geholfen.
  • Ablenkung und Fixpunkte. Wenn schon Übelkeit aufkommt, hilft das Beschäftigen mit den Segeln oder als Rudergänger zur Ablenkung. Der Blick auf Fixpunkte an Land oder den Horizont hilft dem Gleichgewichtssinn des Körpers und trägt zur Linderung bei.

Kontinuierlicher Verbesserungsprozess

Kein Urlaub ist perfekt und es gibt keine Dienstleistung, die man nicht noch verbessern könnte. Den Segelkurs zum SBF Binnen der Sail&Surf Gran Canaria empfand ich als gelungen, den Service vorbildlich. Aber Segelschulbesitzer Dembski sollte sich einigen Themen noch annehmen:

  • Es ist betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll, einen größeren Stamm hauptberuflicher Segellehrer zu beschäftigen. Wenn jedoch mit nebenberuflichen Kräften gearbeitet wird, muss gewährleistet sein, dass gemeinsame Standards definiert und eingehalten werden. Dies beginnt mit dem Lehrstoff der Praxisstunden und endet mit der Kommandosprache. Beim Schüler kommt es nicht gut an, wenn der Chef während der Prüfung Kommandos erwartet, die seine Ausbilder so nicht vermittelt haben.
  • Am ersten Tag glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, als ich eine Haftungsvereinbarung unterschreiben sollte. Alle Boote sind haftpflicht- aber nicht kasko-versichert. Der Schüler haftet bei Schäden mit dem Wiederbeschaffungswert. Da kann das Üben von Ausweichregeln schnell teuer werden.

"Traulich ist's nur in der Tiefe!"

Der Vorabend von Wagners Ring-Trilogie endet mit dieser Feststellung der Rheintöchter. So weit wollen wir es beim Hobby-Segeln denn doch nicht treiben. Auch wenn Wind und Wetter nicht immer günstig stehen, der Spaß ist immens und beginnt schon beim Lernen der ersten Schritte. Zudem ist Segeln möglich in jeder Preislage. Gebrauchtjollen mit Straßentrailer gibt es bereits für einige Hunderter. Nach oben ist nur das Meer die Grenze ... Auslaufende Schul-Galeon

 

 

 

Links

Segelschule Sail&Surf Gran Canaria

Segelschule Greubel (Brombachsee)

Segelschule Blauer Peter (Grömitz, Ostsee)

Segelschule Ückeritz (Usedom)

Yacht Magazin


Text und Bilder copyright 2000 - 2004 Patrick Umlauf


Eine Aussage ganz am Anfang der betreffenden Seite ist schon mal falsch und von da an habe ich mir die Mühe erspart weiter zu lesen. Falsch ist: "Segelführerscheine sind auf Binnen- und Küstengewässern Deutschlands nicht amtlich vorgeschrieben." Ich denke mal wenn die Ausbildung gut gewesen wäre, oder Du das Lernbuch richtig durchgelesen hättest, wäre diese Aussage von Dir nicht gekommen!

Gruß KWO -- N a u t i k s c h u l e O l d e r d i s s e n

Klaus-Werner Olderdissen (22.05.2002)

 

>Falsch ist:
>"Segelführerscheine sind auf Binnen- und Küstengewässern Deutschlands
>nicht amtlich vorgeschrieben."

Spitzfindigkeit oder Oberlehrer? Wenn schon, dann bitte mit Richtigstellung, oder?

Richtig ist jedenfalls: Weder Mindestalter noch Führerschein sind vorgeschrieben zur Führung von Ruder- und Segelbooten unter 15t Wasserverdrängung ohne Motor. Ausnahmen Bodensee (Schifferpatent D für Segelboote über 12 qm, Mindestalter 16) und Berliner Gewässer (SBF Binnen-Segel).

SCNR Josef Lichtscheindl

Wolfgang Kegel (23.05.2002)

 

Danke für deinen netten "Törnbericht" :-))

Zwei Bemerkungen kann ich mir nun aber doch nicht verkneifen ;-))

* Beachtlich finde ich, dass es (fast) allen Kursteilnehmern bei 2-3 Bft. übel geworden ist. Auf Jollen oder Strand-Kats hatte ich bislang immer soviel "Abwechselung", dass ich dort noch nie auch nur ansatzweise Seekrankheit verspürt hätte. Das Gefühl "dann am Abend beim Zähneputzen" kenne ich aber auch

* Hättest du das Segeln auf Katamaranen erlernt, dann wäre deine Einschätzung von "Wende" versus "Halse" wohl etwas anders ausgefallen. Aber da ihr anscheinend aus der Frankfurter Gegend kommt, habt ihr ja sicher mal Gelegenheit, am Eder- oder Brombachsee das Kat-Segeln auszuprobieren.

Un-Scheinbare Grüße Jörg (23.05.2002)

 

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